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rwm_Buch_Pflanze_Bismarck_200Pflanze, Otto: Bismarck. Der Reichsgründer. 906 Seiten, München 2008. ISBN 978-3-406-548222, Preis: 19,90 €

Ein skrupelloser Machtmensch. Otto Pflanzes Bismarckbiografie ist mehr eine diplomatische Studie, jedoch keine wirkliche Lebensbeschreibung


Er verfolgte seine Gegner mit nie erlöschendem Haß, hatte als Politiker stets ein gespaltenes Verhältnis zur Wahrheit und umging oder mißachtete die Gesetze seines Landes, wenn es ihm paßte. Die Rede ist von dem märkischen Junker Otto von Bismarck, jahrzehntelang eine Ikone der Nationalkonservativen im Reich, die ihn als politisches Genie und Demiurgen der Macht verehrten. Der Schönhausener war wahrlich keine Sympathiegestalt und seine scheinbar größte Leistung, die Gründung des Deutschen Reiches, eine autoritäre Fehlkonstruktion, die mit dem Abgang ihres Architekten zum Untergang verurteilt war.

Der Amerikaner Otto Pflanze hat in seinem zweibändigen Opus Magnus über den „Eisernen Kanzler“ die letzten hagiographischen Stützpfeiler des überkommenen Bismarckbildes beseitigt. Zwar läßt auch der langjährige Geschichtsprofessor am Bard College in Annendale (New York) und Schüler des Emigranten Hajo Holborn keinen Zweifel an der außergewöhnlichen politischen Begabung des pommerischen Gutsherrn und Privatiers, dem erst die Revolution von 1848/49 zu seiner einmaligen Karriere verholfen hat. Doch sein scheinbar vorurteilsfreier Blick auf Mächte und Staatsmänner, seine Äquidistanz zu Liberalen und Konservativen waren auch die Folge eines frühen Außenseitertums des jungen Bismarcks, der seine ehrgeizige Mutter haßte und seinen Vater, einen leutseligen Gemütsmenschen, verachtete. Der junge Bismarck ließ sich kaum, wie Pflanze betont, von den klassischen Bildungsidealen ansprechen. Sein Studium verbummelte er ebenso wie seinen Einstieg in die preußische Beamtenlaufbahn. Ohne die Revolution von 1848 hätte Bismarck vermutlich sein Leben als pommerischer Junker zwischen Jauchegrube und Jagdtrophäen beschlossen.

In einem von Ideologien geprägten 19. Jahrhundert verschaffte dem Staatsmann, der anstelle der renommierten Position eines preußischen Gesandten beim Frankfurter Bundestag auch mit der Rolle eines Landrates hätte abgefunden werden können, seine scheinbare Vorurteilslosigkeit einen erheblichen politischen Spielraum. Sie allein öffnete ihm den Weg zu den günstigsten Konstellationen und wies ihm vor allem immer wieder Alternativen auf, wo andere wie sein langjähriger Mentor Leopold von Gerlach oder der biedere König Wilhelm rasch auf emotionale Schranken stießen. Bei vielen galt Bismarck Anfang der 1860iger als Reaktionär, der als Ministerpräsident nicht einmal davor zurückschreckte, den preußischen Rechtsstaat zu demontieren, indem er Abgeordnete oder Beamte, wie den Nationalliberalen Karl Twesten, gerichtlich verfolgen und sogar einsperren ließ. Bismarcks Weg zwischen den ideologischen Fronten wirkte daher für seine Zeitgenossen oft unglaubwürdig und seine wiederholten Treffen mit Arbeiterführern wie Ferdinand Lassalle oder ehemaligen Achtundvierzigern galten in konservativen wie liberalen Kreisen als schlagender Beleg seiner Prinzipienlosigkeit.

Pflanze beschreibt in knappen Stichworten – es ist nicht mehr als ein biografisches Gerüst – den unerwarteten Aufstieg des fintenreichen „Urpreußen“ vom Frankfurter Bundestag über St. Petersburg und Paris bis nach Berlin, wo ihn König Wilhelm I. mitten im Verfassungskonflikt als seine letzte politische Alternative im September 1862 zum Preußischen Ministerpräsidenten berief.

Besessen von seiner Gegnerschaft zu Österreich, versuchte sich Bismarck – anfangs eher erfolglos – mit der rasch erstarkenden Nationalbewegung zu verbünden, um Preußens Aufstieg aus dem langen Schatten Habsburgs zu ermöglichen. Dabei kam ihm zugute, daß sich die beiden konservativen Mächte Österreich und Rußland seit dem Krimkrieg 1853/56 gründlich entzweit hatten, während zugleich Großbritannien nur noch geringe Lust verspürte, sich in kontinentalen Konflikte, wie etwa der komplexen Schleswig-Holstein-Frage, einzumischen. Als Konsequenz dieser günstigen Konstellation eröffnete sich für die deutsche Nationalbewegung ein einmaliges Zeitfenster, das vermutlich auch weniger skrupellose Politiker für ihre Zwecke genutzt hätten. Die Frage, ob es auch ohne die vom Preußischen Ministerpräsidenten mit hohem Risiko ausgelösten Kriege gegen Dänemark, Österreich und Frankreich einen Weg zur deutschen Einheit hätte geben können, beantwortet Pflanze nicht.

Nur selten löst er sich von seinen detailverliebten Schilderungen aller möglichen Winkelzüge und Finten, um den gewaltigen Stoff auch einmal aus einer weiter gefaßten Perspektive zu ordnen. Selbst wenn Pflanze hier und da Exkurse über soziale und wirtschaftliche Entwicklungen einstreut, bleibt seine Arbeit in erster Linie eine Diplomatiegeschichte, in der er sich zuweilen auch erstaunlich weit von seinem Protagonisten entfernt. Über Bismarcks privates Leben erfährt der Leser so gut wie nichts, nur andeutungsweise ist von persönlichen Krisen oder schweren Krankheiten die Rede wie etwa sein zweimonatiger Genesungsaufenthalt in Putbus an der Ostsee nach den emotionalen Strapazen des Sommers 1866. Ein Foto aus dieser Zeit zeigt den 51-jährigen als früh vergreisten Mann mit tiefen Augensäcken.

Auch Bismarcks grundsätzliche Anschauungen zu Politik, Religion und Adel handelt Pflanze gleich zu Beginn seines Buches in systematischer Form ab. Tatsächlich kann man seinen elargierten Text kaum als Biografie bezeichnen. Zu sehr beschränkt sich der Verfasser auf das Politische im Leben seines Protagonisten und läßt dabei mit buchhalterischem Eifer keinen Konflikt und keinen noch so unbedeutend erscheinenden Handlungsstrang aus. Anstatt einer dramaturgischen Verdichtung aller wesentlich Aspekte in den entscheidenden Lebenssituationen Bismarcks – die überaus kritische Lage im Frühjahr 1866, als der fast völlig isolierte Ministerpräsident einen unpopulären Krieg gegen Österreich vom Zaun brach, hätte sich hier fraglos angeboten – reiht Pflanze akribisch einen Aspekt neben den andern und läßt dabei den Leser wie in einer Schleife mehrmals zum chronologischen Ausgangspunkt zurückkehren.

Weshalb aber der Urpreuße Bismarck, der alles andere als ein Nationalist war, nach 1866 trotz aller Mühen und Rückschlage gleichwohl beharrlich versuchte, den Norddeutschen Bund über die Mainlinie hinaus auszudehnen, wird bei Pflanze nicht wirklich klar. Weshalb nur versuchte der im Herbst 1866 so glänzend dastehende Ministerpräsident die – außer Baden – stark widerstrebenden süddeutschen Staaten ins Boot zu holen? Wußte er denn nicht als intimer Kenner der europäischen Außenpolitik, daß er damit in der Mitte des Kontinents eine revolutionäre Zusammenballung von Macht schaffen würde, die selbst wohlgesonnene Nachbarn wie das Zarenreich – von Frankreich ganz zu schweigen – kaum akzeptieren konnten? Zuweilen scheint der Verfasser dabei selbst den Überblick verloren zu haben.

Mancher Leser dagegen dürfte sich wohl bei so viel detailverliebter Gelehrsamkeit auf Hunderten von Seiten mit „Wehmut“ an die glänzende Bismarckbiografie von Lothar Gall erinnern.   KJB

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